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Im Augenblick leben, in die Vergangenheit reisen

Im Café Lichtblick der Caritas-Sozialstation Westallgäu geht es oft um frühere Zeiten, aber auch um das Hier und Jetzt. Ein Besuch mit Heimweh, Witzen, Kabbeleien, schlagfertigen Sprüchen, Musik und wahren Worten

„Es ist so schön, dass ich hier sein darf. Ich werde wahnsinnig, wenn ihr mal nicht mehr da seid. Ich hoffe, es gibt euch noch ganz lange.“

Frau Müller*, Gast im Café Lichtblick

 

Frau Schuster* kann sich einfach nicht sattsehen. Vor ihr auf dem Tisch liegt eine zur Blüte gefaltete gelbe Serviette mit einem Schokoladen-Marienkäfer in der Mitte. Immer wieder nimmt sie das kleine Kunstwerk in die Hand. Dreht und wendet es. „Oh, ist das schön. Das nehme ich mit nach Hause“, sagt sie – und wickelt es vorsichtig in eine weitere Serviette ein. Frau Schuster* ist an diesem Nachmittag einer von sieben Gästen im Café Lichtblick, der Förder- und Betreuungsgruppe für Menschen mit eingeschränkter Alltagskompetenz, wie es in der Beschreibung ein bisschen sperrig heißt (siehe Infokasten) .

Sperrig ist bei den wöchentlichen Treffen aber gar nichts. Es ist gemütlich, lustig, unterhaltsam – und manchmal auch ein bisschen melancholisch. Zum Beispiel, wenn Agnes Buhmann, eine gebürtige Holländerin, die viele Jahre in Lindau mit Blick auf das Schwäbische Meer gelebt hat, einen Anflug von Heimweh bekommt. „Da ist so manche Träne geflossen“, sagt sie rückblickend – und wenn man genau hinhört, bemerkt man noch ganz leicht den Akzent. Die Liebe hat sie damals nach Bayern verschlagen. Aber so richtig angekommen ist sie immer noch nicht im Allgäu – auch wenn es hier vermutlich mindestens genauso guten Käse wie in Holland gibt.

Im Café Lichtblick wird aber natürlich kein Käse, sondern Kuchen serviert. Diesmal sogar Geburtstagskuchen – mit einem kleinen Schild und der Zahl 40 drauf. Die Caritas-Sozialstation begeht heuer ihr 40-jähriges Bestehen – sie ist also gerade einmal halb so alt wie viele der Gäste. Irmgard Wehle-Woll von der Fachstelle für pflegende Angehörige und Claudia Rudolph, Vorsitzende der Caritas-Sozialstation, sind deshalb zu Besuch. Gemeinsam mit den Gästen stoßen sie mit einer Tasse Kaffee oder einem Glas Wasser oder Saft an und singen „Zum Geburtstag viel Glück“ – und später viele Frühlings- und Volkslieder. Begleitet werden sie auf dem Akkordeon von Fachkraft Susann Mahler, die den Nachmittag zusammen mit zwei ehrenamtlichen Demenzhelferinnen organisiert.

Lieder, Gedichte und Obst

Es ist beeindruckend, wie Frau Müller* Liedtexte und teilweise auch das Frühlingsgedicht „Er ist’s“ von Eduard Mörike mitsingen oder vortragen kann. Beim Benennen der Obstsorten, wie Kiwi, Himbeere und Mandarine, die auf ihrem Kuchen sind, braucht sie aber die Unterstützung von Demenzhelferin Bettina Dittberner. Während des Nachmittags schaut Frau Müller* immer wieder besorgt aus dem Fenster. Es schneit. „Meine Tochter kommt zu Besuch. Sie ist eine ganz Liebe und einfach toll“, sagt sie mit strahlenden Augen. Susann Mahler beruhigt sie: „Das Wetter wird besser. Dann kann Ihre Tochter sicherlich zu Besuch kommen.“

Rupert Aichele sitzt an der Stirnseite des großen, ovalen Tisches und hat alles im Blick – vor allem Frau Schuster* schräg gegenüber, mit der er sich öfter liebevoll kabbelt. Der Ruppenmanklitzer ist schlagfertig. Beim Wörterraten zum Thema Frühling ist er meistens der schnellste – und er hat immer eine lustige Anekdote und einen flotten Spruch parat. „Es sind jede Woche die gleichen Geschichten. Es wiederholt sich“, schildert Susann Mahler. Demenz hat viele Gesichter. Manchmal ist die Krankheit auf den ersten oder auch zweiten Blick nicht zu erkennen.

Die jüngste in der Runde ist Rosmarie Klubberg. Die 62-Jährige kommt seit gut einem Jahr ins Café Lichtblick. „Am Anfang konnte sie danach noch alleine nach Hause laufen“, erzählt Susann Mahler. Inzwischen ist die Lindenbergerin rund um die Uhr auf die Hilfe ihres Mannes angewiesen. Sie spricht nicht, zeigt keine Reaktion, braucht Unterstützung beim Essen. Während sich die anderen unterhalten, singen, Gedichte aufsagen und von Früher erzählen, beschäftigt sie sich mit einem speziell für sie gemachten Stoffdeckchen – aus verschiedenen Materialien, mit einer kleinen Maus aus Wolle, Kordeln und einem Reißverschluss.

Davon lässt sie sich auch nicht beirren, als plötzlich schallendes Lachen den Raum erfüllt. Rudolf Biesenberger hat einen seiner Witze erzählt – dafür ist er in der Gruppe bekannt: „Sitzen zwei Frauen im Theater. Sagt die eine: ,Die Akustik ist hier aber schlecht.’ Antwortet die andere: ,Jetzt, wo Du’s sagst, riech ich’s auch.’“

Claudia Rudolph möchte wissen, woher die Gäste kommen. „Ich bin Holländerin“, sagt Agnes Buhmann stolz. Da ist es wieder – das Heimweh. „Ich bin in München geboren“, antwortet Rudolf Biesenberger. Dass er seit 1940 in Lindenberg lebt, sagt er nicht. Und Frau Schuster* verweigert die Antwort: „Mensch ist Mensch. Egal, woher er kommt.“ Als ihr Mann sie abholt, nimmt sie die sorgfältig eingepackte Deko mit. Was wohl in der nächsten Woche auf dem Tisch liegt?

*Einige Besucher des Café Lichtblick beziehungsweise deren Verwandte wollen anonym bleiben. Deshalb haben wir deren Namen geändert und mit einem * versehen.

Bericht von Claudia Goetting aus der Westallgäuer Zeitung vom 24.03.2018
Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Allgäuer Zeitung

 

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